Bejagungsrichtlinien

der Interessengemeinschaft Schwarzwild im Raum Medebach-Winterberg-Hallenberg-Lichtenfels, sowie den daran angrenzenden Revieren.


„Vereinbarung zur Schwarzwildbejagung vom 11. Mai 2012"


Die Mitglieder der Interessengemeinschaft Schwarzwild erklären sich bereit, das
vom DJV verfasste Positionspapier 2002 "Schwarzwild in Deutschland" sowie die
jeweiligen Landesjagdgesetze und Hinweise zur artgerechten und biologisch
richtigen Schwarzwildbejagung im Lande Nordrhein-Westfalen bzw. Hessen
einzuhalten.
Als gemeinsames Ziel wird ein Verhältnis der Jahresstrecke von
70% Frischlinge, 15% weibliche Überläufer, 5% männliche Überläufer, sowie
5% Bachen und 5% Keiler (die min. 5 Jahre und älter sind), angestrebt.

1. Was wollen wir mit einer „Interessengemeinschaft Schwarzwild“
erreichen?
Wir wollen eine Vertrauensbasis zwischen allen Schwarzwildjägern und Landwirten
schaffen, den Schwarzwildbestand an den vorhandenen Lebensraum anpassen und
eine artgerechte Rottenstruktur nach biologischen Erkenntnissen aufbauen.
Wir wollen einheitliche, an die jeweilige Situation angepasste Bejagungsrichtlinien
festlegen, die Wildschäden reduzieren und das Risiko der Schweinepest verringern.

2. Was müssen wir wissen?
Die wichtigste wildbiologische Erkenntnis ist, dass Schwarzwildrotten keine zufällig
zusammen gewürfelten Saubanden sind, die außer einer leicht zu beobachtenden
Mutter-Kind-Beziehung keine weiteren Bindungen haben und flurplündernd und
unstet durch die Lande ziehen. Schwarzwildrotten sind Tiergruppen mit sehr
komplexen Beziehungen untereinander und zueinander. Dieses ist zwar
Schwarzwildforschern schon lange bekannt, aber bei der praktizierenden Jägerschaft
ist das nicht oder nur unvollständig angekommen und zumindest bis in die jüngste
Zeit nicht in jagdliches Handeln umgesetzt worden.
Die Rotten, Familiengruppen oder –verbände sind mutterorientiert, also
matriarchalisch ausgerichtet. Die älteste reproduktive Bache ist die Leitbache und
Schlüsselfigur schlechthin. Sie synchronisiert alle Lebensabläufe in der Sippe von der
Rausche aller weiblichen Familienmitglieder bis hin zum täglichen Verhalten, also
dem Aufsuchen von Nahrungsorten und Einständen.
In gut aufgebauten Schwarzwildpopulationen sind die Leitbachen größerer Verbände
meist wirklich alt, haben reichlich Erfahrung mit den Fährnissen dieser Welt und sind
die sichersten Garanten für die Verhinderung und Verminderung von Wildschäden.
Keinerlei flankierende Maßnahmen, seien es Ablenkungsfütterungen oder technische
Maßnahmen, können den positiven Einfluss der Leitbachen auf die
Wildschadenssituation einer Region ersetzen.
Fällt eine Leitbache der Kugel oder dem Straßenverkehr zum Opfer, bricht die
komplexe Sozialstruktur zusammen mit allen negativen Folgen von unkontrolliertem
Rauschen und Frischen bis zu vermehrten Wildschäden.
Es dauert eine ganze Weile, bis sich neue, stabile Familienstrukturen entwickeln.
Schwarzwild hat normalerweise keine engere territoriale Bindung, sondern bewegt
sich, wie alles Schalenwild außer Rehwild, in einem größeren Raum, der natürlich
unabhängig von allen Jagdreviergrenzen ist.

3. Was müssen wir tun?
Schwarzwild ist eine Hochwildart, deren Lebensraum sich nicht mit den Grenzen
unserer immer kleiner werdenden Reviere deckt. Schwarzwild lässt sich nur
revierübergreifend bewirtschaften sowie sinnvoll und effektiv bejagen. Das
unkontrollierte Abschießen hilft nicht weiter, reduziert die Schäden auf Kulturflächen
nicht – das Gegenteil ist der Fall – und zerstört eine geordnete Sozialstruktur.
* Absatz 2 und 3 zitiert von Norbert Happ, 1962-2003 Revierförster im Kottenforst bei Bonn.
Deshalb ist es notwendig, dass sich möglichst alle Revierinhaber im Raum Medebach,
Hallenberg, Winterberg und Lichtenfels zu einer „Interessengemeinschaft
Schwarzwild“ zusammen schließen.

Ziel:
1. Schaffung einer Vertrauensbasis zwischen allen Beteiligten
2. Anpassung der Schwarzwildbestände an den vorhandenen Lebensraum
3. Aufbau einer artgerechten und biologisch richtigen Rottenstruktur
4. Reduzierung der Wildschäden
5. Einheitliche Bejagungsrichtlinien
6. Erfassung der Abschüsse und Wildschäden
7. Aufbau einer regionalen Wildbretvermarktung
8. Öffentlichkeitsarbeit

1. Schaffung einer Vertrauensbasis zwischen allen Beteiligten.
Die Schaffung einer Vertrauensbasis zwischen allen Eigentümer und Jäger ist eine
der wichtigsten Grundvoraussetzungen für alles weitere Vorgehen. Gemeinsame
Aktivitäten, Gespräche und Erfahrungsaustausch fördern das Vertrauen zwischen
allen Beteiligten und sollten mehrmals im Jahr stattfinden.

2. Anpassung der Schwarzwildbestände an den vorhandenen Lebensraum
Vorrangig sollte es unser Ziel sein, die Schwarzwildbestände an den vorhandenen
Lebensraum anzupassen. Dazu ist ein Umdenken in der Bejagungsstrategie
notwendig. Das bedeutet, dass zusätzlich zur notwendigen Einzeljagd mindestens
eine große revierübergreifende Bewegungsjagd in den Monaten Oktober oder
November stattfinden sollte. Zusätzlich sollte jeder Neuschnee zum „Kreisen“ der
Sauen genutzt werden – bis zum Ende eines Kalenderjahres, danach frischen die
Bachen!

3. Aufbau einer artgerechten und damit biologisch richtigen Rottenstruktur.
Durch eine entsprechende Bejagung sollte in Zukunft dafür gesorgt werden, dass
wir zu einer biologisch intakten Rottenstruktur gelangen. Leitbachen müssen zur
Führung der Rotte unbedingt geschont werden. Die Leitbache verhindert, dass
Frischlinge / Überläufer zur Unzeit frischen, bzw. sich Klein- oder Jugendrotten
entwickeln, die vagabundierend Felder und Wiesen „überfallen“.

4. Reduzierung der Wildschäden
Zur Reduzierung der Wildschäden sollte während der Vegetationszeit eine starke,
jugendorientierte Bejagung im Feld erfolgen. Dabei sollte unbedingt Jagdruhe an
und in den Schwarzwildeinständen im Wald sein. Gruppenansitze im Feld könnten
ebenfalls dazu beitragen, Wildschäden zu reduzieren; daran sollten die
Waldrevierjäger beteiligt werden, was auch zum Erkennen der gemeinsamen
Probleme und dem Zusammenhalt der Jäger dient. Außerdem sollte jeder
Revierinhaber seine Kirrpraxis mal prüfen und kritisch überdenken.

5. Einheitliche Bejagungsrichtlinien
· Grundsätzlich sollte sich die Bejagungsstrategie der jeweiligen Situation
anpassen. Daher sollten die Bejagungsrichtlinien jährlich bei der
Frühjahrsbesprechung überprüft und bei Bedarf neu festgesetzt werden.
· Unser Ziel sollte es sein, den Schwarzwildbestand an den vorhandenen
Lebensraum anzupassen, um damit auch die Gefahr des Ausbruchs und der
Verbreitung der Europäischen - und Afrikanischen Schweinepest zu verringern
und die Wildschäden in Grenzen zu halten.
· Der Abschuss sollte sich vorrangig darauf konzentrieren, so viele Frischlinge
und nichtführende Überläufer wie eben möglich zu erlegen, und sich auf Keiler
nur dann erstrecken, wenn sie wirklich als jagdbar angesehen und älter als 5
Jahre sind. Erlegte Keiler sollten der Besichtigung durch die beteiligte
Jägerschaft zugänglich gemacht werden, was sowohl der gemeinsamen
Zielerstrebung als auch dem Kennenlernen der Jäger dient.
· Allgemein gilt bei der Bejagung von Schwarzwild, einzeln gehende Stücke
unbedingt zu schonen, es sei denn es handelt sich um einen jagdbaren Keiler,
ein krankes Stück oder um einen Frischling, der selbst nicht führt.
· Im Feld muss eine maximale jugendorientierte Bejagung (Frischlinge)erfolgen.
Im Wald dagegen sollte absolute Jagdruhe an und in den
Schwarzwildeinständen herrschen.

· Im Oktober und November sollten jährlich große revierübergreifende
Bewegungsjagden auf Schwarzwild in den einzelnen Bejagungsbezirken
durchgeführt werden. Bei allen Bewegungsjagden, sind nur Frischlinge und
nichtführende Überläufer bis 40 kg frei zu geben, (ein Gewicht bis max. 55 kg.
aufgebrochen wird toleriert). Den Revierinhabern ist es frei gestellt, zusätzlich
auch andere Wildarten frei zu geben.

· Dass die revierübergreifenden Jagden kein Allheilmittel bei der Bejagung des
Schwarzwildes sind, ist vielen Jägern bekannt, sie sind aber eine
hervorragende Möglichkeit den jährlichen Zuwachs innerhalb kurzer Zeit
ausreichend abzuschöpfen. Und nur darum geht es, bei allen
revierübergreifenden Jagden muß daher der Streckenanteil an Frischlingen
min. 80% und mehr betragen. Der unbedingt notwendige Abschuß an Bachen,
sowie einigen reifen Keilern – sofern sie vorkommen und min. 5 Jahre und
älter sind, muß auf der Einzeljagd erfolgen, da nur hier eine selektive
Bejagung nach Geschlecht, Alter und sozialer Stellung möglich ist.

· Ab Mitte Dezember sollten keine großen Bewegungsjagden mehr durchgeführt
werden, da alles Wild jetzt Ruhe braucht.

· Von Februar bis Juli sollten in NRW nur Frischlinge -, in Hessen auch
Überläufer bis max. 30 kg erlegt werden. Auf Grund der guten
Nahrungsbedingungen erreichen Frischlinge innerhalb von einem Jahr
durchaus Gewichte von 30 bis 45 kg, wobei sie bereits mit ca. 20 kg und
einem Alter ab etwa sieben Monaten geschlechtsreif werden und durchaus in
den letzten Wochen ihrer eigenen Frischlingszeit schon selbst führen können.
Der Jäger ist in den Monaten Februar bis Juli einigermaßen auf der sicheren
Seite, wenn er nur Frischlinge aus der Rotte erlegt, die nicht stärker sind als
20 kg.

· Ab August können alle nichtführenden Sauen bejagt werden, wobei auch
hierbei vorrangig Frischlinge und nichtführende Überläufer erlegt werden
sollten.

6. Erfassung der Schwarzwildstrecke, -schäden und –bestand.
· Mit einem Meldebogen wird sowohl die Schwarzwildstrecke, als auch die –
schäden und der –bestand abgefragt. Um eine aussagekräftige Information
über die Schwarzwildentwicklung in unserem Raum zu bekommen ist die IGS
Orke auf die Unterstützung aller Revierinhaber angewiesen. Die IGS Orke
bittet darum alle Revierinhaber, den Meldebogen mindestens einmal jährlich
auszufüllen und ihn, bis zum 15. April wieder zurückzuschicken. Gerne
können Sie uns den Meldebogen auch monatlich, viertel- oder halbjährlich
zuschicken und dadurch mithelfen, dass unsere monatlich erscheinende
Streckenbilanz der aktuellen Situation entspricht.

· Alle Daten werden absolut vertraulich behandelt und nicht an Dritte weiter
gegeben, anhand der späteren Auswertung werden keinerlei Rückschlüsse auf
einzelne Reviere gezogen. Für uns zählt nur das gemeinsam Erreichte!
· Der Meldebogen ist auch auf unserer Homepage hinterlegt und kann dort
direkt am PC ausgefüllt und per Email verschickt werden.
· Bei der Einstufung der Klassen ist das biologische Alter maßgebend. (0-12
Monate = Frischling; 13-24 Monate = Überläufer; ab dem 25. Monat = Bache bzw. Keiler).
· Nach dem 15. April sollte die Gesamtstrecke, der Wildschaden und der
vorhandene Bestand ermittelt -, und in der jährlich stattfindenden
Frühjahrssitzung besprochen werden.

7. Aufbau einer regionalen Wildbretvermarktung
· Sinnvoll erscheint es weiterhin, gerade in der heutigen Zeit, wo ein
Lebensmittelskandal den anderen jagt, auch mal darüber nachzudenken, eine
zentrale Wildbretvermarktung aufzubauen.

8. Öffentlichkeitsarbeit
· Regelmäßige Berichterstattung in der regionalen Presse
· Erstellung einer Homepage

Dreislar, den 19.06.2015

Bejagungsrichtlinien der IGS Orke 2012-05-11, zuletzt geändert am 19.06.2015